Befriedigende (geschlossene) vs. unschlüssige (offene) Komposition und die nicht-formalisierbare Wahrheit

Treten Musik und Mensch in Kontakt, gibt es Wechselwirkungen. In der Mehrzahl der Fälle missfällt dem Menschen die Musik, selten kann sie oder er sich eines Urteils wirklich enthalten. Nicht immer nehmen die mehr oder weniger (je nach Veranlagung und Reifegrad) getrennten Komponenten der (somit gedachten) Gesamtheit Mensch eine gehörte Musik in gleicher Weise wahr: dem "Bauch" (um ein gebräuchliches, aber natürlich willkürliches Katerorienschema zu verwenden) mag eine Darbietung "gefallen", während der "Kopf" sie ablehnt (etwa aus formalen Gründen); oder eine Musik, die "eigentlich" gefällt, "muss" aufgrund des Strebens nach gesellschaftlicher Konformität (meist subkultureller) abgelehnt werden (Beispiel: einem Punk gefällt ein Pop-Song)*.

Jenseits davon ist das meiste menschliche Streben auf Befriedigung ausgerichtet, seltener auf Entwicklung (als erwartete "höhere" Befriedigung in der Zukunft, oder als Reaktion auf einen inneren oder verinnerlichten Zwang - beide Fälle lassen sich hier wiederum auf das Streben nach Befriedigung herunter brechen; die Existenz eines in jeder Hinsicht affektfreien Entwicklungsstrebens sei dahin gestellt, auch wenn sie einem romantischen Ideal entspricht). Dies spiegelt sich auf jeder Stufe des Erzeugungsprozesses von Musik: in der Komposition, dem Verfassen des Texts, dem Arrangieren, der Produktion und der Aufführung. Meist zielt die Komposition (gerade innerhalb der U-Musik, exemplarisch in Volksmusik und Schlager) auf eine "einfache" Befriedigung ab, allenfalls wird durch "Schlenker" (zum Beispiel Trugschlüsse) die Spannungsauflösung um einen erträglichen Moment hinausgezögert. Die zuhörende Person verlässt die Realität des Stückes ohne weitere Fragen: es bleibt nichts offen.

Nun gibt es natürlich eine Menge Musik, die auf der Ebene des Textes beunruhigt, kein Happy End herstellt, keine Auflösung. In vielen Fällen geschieht dies jedoch nur vordergründig: so mag ein politisches Lied (sei es erdiger Punk oder klebriges Liedermachertum), das bestehende oder nicht bestehende Verhältnisse anklagt, zwar die Seele peinigen ob der dargestellten Ungerechtigkeit, kann aber auf einer "tieferen" Ebene dennoch befriedigen - zum Beispiel über die Identifikation mit der renitenten Subkultur oder mit "denen, die es richtig sehen". Musikalisch wird dennoch die Spannung aufgelöst: es bleibt kein Zweifel.

"Gemachte" Musik reagiert per se auf verschiedene Weisen auf Hörgewohnheiten: sie entspricht ihnen, versucht sie zu erweitern oder zu brechen. Eine Musik, die nicht in irgend einer Form mit Hörgewohnheiten interagiert, die also nicht in einem gesellschaftlichen Kontext steht, ist nicht denkbar (per definitionem: sie ist dann keine Musik). Stellt sich eine Komponisten "ganz nach draußen", so "stellt sie sich" ganz nach draußen, reagiert also auf das "Innen". Musik setzt auf vorhandener Musik auf. Das unterscheidet sie von Geräuschen (m. E.: manche Definition versteht z. B. Vogelstimmen als Musik, wenn sie als solche wahrgenommen werden - aber darum geht es hier nicht).

Musik, die "vollständig" mit Hörgewohnheiten bricht (beispielsweise sehr fremde Ethnomucke), die also als Geräusch empfunden wird und nur wegen des Kontextes der Darbringung als Musik identifiziert wird (z. B. weil sie von einer CD kommt), hat offensichtlich ein geringeres Wechselwirkungspotenzial als solche, die sich "in der Nähe" des Bekannten aufhält. Musik, die die Hörgewohnheiten "vollständig" befriedigt, den vorhandenen Brei also ein weiteres Mal quirlt, wechselwirkt in einer relativ vorausschaubaren Weise: sie bestätigt den bestehenden Zustand, beruhigt das Herz und verjagt Zweifel (zementiert mithin auch die Gesellschaft).

Das größte wechselwirkungs- und damit Veränderungspotenzial hat also Material, das in ausreichendem Maße Ähnlichkeiten zu der zuhörenden Person Bekanntem aufweist, jedoch "entscheidende" neue Momente enthält. Hier können die unterschiedlichen menschlichen Rezeptionsorgane (Hirn, Herz, Bauch, ...) jedoch unterschiedlich reagieren, was eine weitere Dimension kompositorischer Möglichkeiten eröffnet. Unterscheiden sich die Wahrnehmungsintensitäten der einzelnen menschlichen Bausteine, kommt es zu verschiedenen Verwirrungen: wird eine Musik etwa vom Kopf verstanden, geht jedoch nicht in den Bauch, könnte sie mit den Attributen "interessant" oder "hat was" versehen werden (ähnlichen Floskeln, die auch der Höflichkeit dienen, wenn Freunde ihre Musik vorstellen). Geht ein Song "ins Blut", wird aber vom Verstand als kitschig disqualifiziert, wird man sich davon distanzieren oder das Gefallen geschickt begründen. Umgekehrt wird es selten gelingen, Musik, die einem aus gesellschaftlichem Konformitätsdruck gefallen "sollte", auch tatsächlich im Bauch zu spüren.

Die hin und wieder zu hörende Aussage "wir machen etwas völlig Neues", einen "völlig neuen Sound" oder ähnlich ist also Unsinn, sofern die Musik als solche erkennbar oder gar "hörbar" sein soll. Das Optimum, das größte Moment, die größte "Energie", erreicht eine Musik, die in genau einem solchen Maße "Neues" produziert, wie die rezipierende Person (in einer gegebenen Stimmung, an einem gegebenen Ort, zu einer gegebenen Zeit) in der Lage ist aufzunehmen, ohne dass das Gehörte "zerfällt", "sinnlos" oder "energielos" wird.

Es gibt eine ganze Reihe von Aspekten innerhalb der Musik, die alt-vertraut (den Hörgewohnheiten entsprechend) bzw. neu-überraschend sein können. Demzufolge gibt es entsprechend viele Freiheitsgrade, innerhalb derer verschieden starke Abwandlungen das Maß an "Gesamt-Fremdheit" bestimmen können. Das Besondere ist, dass sie sich - in unterschiedlichster Weise - gegenseitig kompensieren können (als gäbe es in diesem n-dimensionalen Verktorraum einen wie auch immer definierbaren "Betrag", der die "Gesamt-Fremdheit" misst). So kann die vielen Mitgliedern unserer Kultur sehr vertraute 5. Symphonie van Beethoven bei Beibehaltung der Komposition durch ein "fremdes" Arrangement (beispielsweise durch Ersetzen jedes Instruments durch ein gesampeltes Naturgeräusch) ebenso "neu" erscheinen (aber dennoch "verständlich", d. h. nicht völlig fremd) wie eine sich jenseits gewohnter Harmonik bewegende "moderne" Komposition in klassischer Instrumentierung vertraute Elemente haben kann, die einen "Zugang" ermöglichen. Mithin kann jedes ausreichende Maß an vertrauten Elementen als "Zugang" in neue Bereiche dienen. Dieser Zugang kann über jedes rezeptionsfähige menschliche Organ geschehen (man höre zum Beispiel einen stampfenden, in den "Bauch" gehenden 4/4-Beat mit einer fremden, nicht einmal temperierten Tonalität und "unklarer" Struktur und finde so einen "Zugang" zu neuen Welten).

Variierbare Dimensionen sind also unter anderem: Instrumentierung/Arrangement (klassische Besetzung vs. gesampelte Naturgeräusche etc.), Tonsystem (wohltemperiert vs. Vierteltonsystem usw.), Struktur (Sonatenhauptsatzform vs. keine u. v. m.), Metrum (4/4 vs. ständig variierend o. ä.), psychisch-philosophisch-religiöse** Ausrichtung ("hohle" Fahrstuhlmusik vs. vertonte existenzielle Krise u. a.).

Mit Musik hält man also viele Fäden gleichzeitig in der Hand, mittels derer sich "Neues" erzeugen lässt. In diesem Sinne "gut" ist die Musik dann, wenn sie weder zu viele Klischees bemüht (d. h. Bekanntes wiederkäut) noch zu kontextlos in der Luft schwebt.

Das (nicht) Überraschende - vor dem Hintergrund alles oben Gesagten - kommt aber erst noch. Denn es ist alles schön und gut, aber abgesehen davon dass es, wie jede Analyse , das Objekt zerlegt und Zusammenhänge vernichtet, übersieht es auch das überragende Killerkriterium: Musik muss "gut" sein (geil, tief, berührend, genial, was auch immer). Im Falle von Musik ist dieses Killerkriterium also subjektiv. "Gute" Musik interessiert sich nicht dafür, ob eine Analyse zeigt "warum" sie gut ist oder nicht gut sein kann. Auch nicht dafür, ob sich zeigen lässt, dass bestimmten Schichten (oder: Klassen, Subkulturen, Kasten) immer eine bestimmte Musik gefällt, oder dass Synkopen verdummen. Das Element, das ein Stück zu einem "guten" macht, auch wenn es aus einem Klischeebrei schöpft wie er schlimmer nicht sein könnte, ist letztlich unbekannt (auch wenn sich viele, viele Faktoren finden und nennen lassen). Das ist banal (und - wie besser einmal zu viel gesagt - subjektiv). Wir alle bemühen uns (mit Ausnahme der Massenproduzenten, die man bitte nur als kulturindustriellen Feind ernst nehmen möge, aber nicht sonst) um "gute" Musik. Darum ging es hier aber nicht.

Olaf, 2007


* Dieser Effekt führt zu interessanten Erscheinungen, beispielsweise bestimmten Crossover-Stilrichtungen. Es werden kritische, d. h. "peinliche" Elemente der Musik, zu der die hörende Person nicht stehen kann, durch den aktuellen Hörgewohnheiten der (Sub-)Kultur entsprechende ersetzt oder, wenn dies nicht möglich ist - weil es diese Elemente selbst sind, die es der hörenden Person "angetan" haben - verkleidet (etwa ironisiert oder verhärtet).
** Man verzeihe mir diese Zusammenwerfung.

 


© 2018 Einfach Leiden